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	<title>Buchkontakte</title>
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	<description>Literaturblog</description>
	<pubDate>Mon, 12 Oct 2009 22:49:23 +0000</pubDate>
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		<title>t.c.boyle - die frauen</title>
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		<pubDate>Fri, 09 Oct 2009 23:30:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tünde Pasdach</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[romane]]></category>

		<category><![CDATA[t.c.boyle]]></category>

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		<description><![CDATA[Fünfhundertfünfzig Seiten mit dem amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright, seinen vier Hauptfrauen, seiner Fan-und Arbeitsgemeinde, der fiesen Gesellschaft und Wrights Wohnsitz, Refugium, Idealhaus Taliesin, abgerannt, aufgebaut, wieder abgebrannt, wieder aufgebaut.
Ich will den Roman nicht kleinreden. Gut recherchiert, stellenweise eindringlich. Unterhaltend durch die Darstellung eines  leidenschaftlichen Genius, dessen Tatkraft und Glauben an sich selbst Hindernisse [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="margin-bottom: 0cm; font-weight: normal;">Fünfhundertfünfzig Seiten mit dem amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright, seinen vier Hauptfrauen, seiner Fan-und Arbeitsgemeinde, der fiesen Gesellschaft und Wrights Wohnsitz, Refugium, Idealhaus Taliesin, abgerannt, aufgebaut, wieder abgebrannt, wieder aufgebaut.<span id="more-167"></span></p>
<p style="margin-bottom: 0cm; font-weight: normal;">Ich will den Roman nicht kleinreden. Gut recherchiert, stellenweise eindringlich. Unterhaltend durch die Darstellung eines  leidenschaftlichen Genius, dessen Tatkraft und Glauben an sich selbst Hindernisse überwindet, wo viele schon resigniert hätten. Wen bewundert man zuletzt: Mr. Wright, oder Mr. Boyle? Oder vielleicht den fiktiven japanischen Assistenten, der seine Erinnerungen an seine Lehr-und Lebenszeit beim großen Architekten durch den Ehemann seiner Enkelin mit- und aufschreiben läßt, da er selbst seinem Amerikanisch (und vielleicht seiner Erinnerung) nicht ganz traut? Man erfährt die story durch die Brille dieses Erzählers, dessen Landesmoralität ja eigentlich den Einzelnen nicht über die Gruppe stellen möchte. Ein schönes Spannungsfeld: hier der japanische Rädchenmensch, der dem Individuum begegnet, da der Freigeist, der seine Liebe zur japanischen Kultur entdeckt.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm; font-weight: normal;">Intensität durch Komplikation ist eine meiner Randnotizen. Wright scheint das zu brauchen, will eigentlich eine heimelige Familienatmosphäre, will Naturverbundenheit leben, ökonomische Unabhängigkeit auf Taliesin verwirklichen. Will Integration, Anerkennung, Achtung, katapultiert sich aber permanent in Skandale. Es ist einfach im vorhinein zum Scheitern verurteilt. Exzentrisches Alphatier in bigotter Nachbarschaft ginge vielleicht gut, wenn nicht, ja wenn nicht die Liebe wäre.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm; font-weight: normal;">Nichts geht glatt in den Amouretten. Anfang, Verlauf, Ende, alles hochdramatisch. Gefahr, gesellschaftliche Ächtung, immer kurz vorm Ruin, Verhaftungen, Scheinfrieden. Immer schwelt etwas, man wartet förmlich  auf den nächsten Zusammenbruch, wird zum Voyeur. Manches, wenn auch erfundene Detail will man gar nicht wissen, es ist, als berausche sich Boyle an intimem Dreck, als genieße er die Bosheit Miriams, die selbstherrlichen Momente Wrights und deren Abstrafungen. Man ergreift Partei für Wright nicht nur gegen die Presse, die Nachbarschaft, gegen jeglich zurückgebliebene moralisch vernagelte Holzköpfe, sondern auch gegen Boyle. Das nennt man Eigentor. Mensch, T.C., wühl in deiner eigenen Scheiße, rufe ich von schräg unten.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm; font-weight: normal;">Weitere Randnotizen: &#8220;Man wartet auf den Abstieg von Miriam&#8221;. Später: &#8220;Miriam ist tot. Nächstes Kapitel heißt Miriam? Oh Gott.&#8221; Dieser morphinsüchtige Racheengel verläßt weder Wright, noch den Leser. Wenn Boyle je ein kaputtes, selbstsüchtiges Arschloch dargestellt hat, dann in dieser Frau. Als Figur darf sie mich nerven, hemmt sie mich aber in der Leselust, hat der Autor schlecht dosiert. Eigentor.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm; font-weight: normal;">Poetisch, tiefgründig und berührend wirds überall, wo der japanische Freund auftritt. Seine Bescheidenheit, seine Treue, sein bewunderndes Verständnis und die kleinen Lügen und Rebellionen gegenüber Wright lassen ahnen, wie die Welt mit großen Visionären umgehen könnte. Geschickt führt Boyle über ihn das Thema Autos, (toller Gedanke, ob wahr oder erfunden: Wright läßt alle Fahrzeuge in karminrot umlackieren), Küche (Zwangslager für alle Hilfsarchitekten und Quelle der großen Massakerszene), Nachbarn, Arbeitsgemeinschaft und &#8220;die Frauen&#8221; ein. Tröstlich, daß ein Einfluß ärmeres Leben zu Bedeutung kommt, weil es vom Gelebten eben genauso intensiv gefühlt wird, wie das eines Stars.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm; font-weight: normal;">Ich habe (leider?) zahlreiche Interviews mit dem Entertainer Boyle zu diesem Buch gelesen und gesehen. Und in der Tat, Miriam ist seine Lieblingsfigur. Wußte ichs doch. Boyle sagt, ein Roman schriebe sich von selbst, man habe eine Idee, sicher, man recherchiere, aber dann läufts oder läuft nicht, man kriegt sogar den Spruch zu hören, dass wenn man wüßte, wie die story geht, ja alles langweilig für den Auroren wäre. Pardon, aber dieses Buch ist total durchkonzipiert. Natürlich blieb dabei viel Platz fürs Freischreiben, dennoch, es ist gerade das strenge Konzept (von vorne nach hinten aufgerollt , der Erzähler/Kommentator, die, allerdings sinnfällige Einteilung nach den einzelnen Frauen, aber vor allem der showdown am Schluß – der ist fast schon ein Griff in die Trickkiste), was einem den Leseschwung nimmt. Herr Boyle, das können Sie frecher, sagt eine kleine Kritikerin an ihrem computer. Auf Kritiker pissen Sie sowieso. Sind alles verhinderte Künstler. Wenn die sich nicht mit Ihrem Buch amüsiert haben, sollen sie halt das nächste lesen, und überhaupt, anderen gefällts, wie die Absatzzahlen bewiesen. Stehe jetzt unter Ihrem gelben Strahl mit aufgespanntem Schirm und pfeife auf die Kritik an den Kritikern. Die Melodie ist gar nicht so schlecht.</p>
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		<title>buchhandlung moltzen</title>
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		<pubDate>Fri, 02 Oct 2009 22:16:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tünde Pasdach</dc:creator>
		
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		<description><![CDATA[Mein Großvater hat Buchhändler gelernt. Mein Vater behandelte Bücher wie Heiligtümer. Ich selber bin in Buchhandlungen vorstellig gewesen um den Beruf zu erlernen. Warum das alles nicht geklappt hat, kann man weitläufig Lebensgeschichte nennen.
Buchhandlungen waren Tempel. Bouvier in Bonn, direkt vor oder hinter der Uni gelegen, sagen wir bei, war das Paradies meines Vaters. Als [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mein Großvater hat Buchhändler gelernt. Mein Vater behandelte Bücher wie Heiligtümer. Ich selber bin in Buchhandlungen vorstellig gewesen um den Beruf zu erlernen. Warum das alles nicht geklappt hat, kann man weitläufig Lebensgeschichte nennen.</p>
<p><span id="more-153"></span>Buchhandlungen waren Tempel. Bouvier in Bonn, direkt vor oder hinter der Uni gelegen, sagen wir bei, war das Paradies meines Vaters. Als Kind stand ich einfach nur wartend rum, wartend auf Entscheid, Kauf, Rausgang meines Vaters. Nirgends konnte man sich richtig hinsetzten, was man verboten in die Hand nahm war oft unverständlich. Hübsche Bilder auf dem Umschlag und innendrin gähnende Abfolgen in schwarz-weiß. Ich mochte die Stapel, die Auslagen, das labyrinthartige der niedrigen Tische, die vollen Wände, ja auch den Geruch. Irgendwann entdeckte ich, dass das ganze geordnet war. Neuerscheinungen, Werbung, englische Literatur, Krimis, Klassiker, Sammelbände.</p>
<p>Das Labyrinth kannte ich von Zuhause. Die vollen Bücherwände und durch das Wohn- und Arbeitszimmer musste man sich durchschlängeln. Stapel, Zettel, Häufchen. Nichts anfassen, keine Unordnung in das Chaos bringen. Aber ich hatte meine kleine Welt in dieser großen. Eigene Bücher, Bücher, die mir vorgelesen wurden, Bücher, deren Rücken ich kannte. Und dann sah ich mit einem Mal eine Kinderabteilung im großen Bücherladen. Ich hatte einen Platz, während Vater stöberte. Und dann lagen Bücher vor meiner Tür. Neugekaufte, oder aus der eigenen Bibliothek ausgesuchte. Zu Themen, die wir am Frühstückstisch diskutierten, die relevant in der Schule waren, Nur-so-Bücher, kommentierende Bücher, Fingerzeige. Ich wurde vertraut. Blieb immer häufiger aufmerksam an den Auslagen stehen, die Gehstopps meines Vaters füllte ich mit eigener Betrachtung, bald konnte ich wiederholen, ordnen. Brecht, Böll, Handke, Goethe, Schiller, Hölderlin, Gruppe 47, E.T.A. Hoffmann&#8230;.</p>
<p>Ich war achtzehn, als ich das erste Mal in eine Buchhandlung ging, nur so, ohne etwas bestimmtes für die Schule kaufen zu müssen, ohne Empfehlung, ohne Geschenkidee. Heraus kam ich mit Klaus Modicks &#8220;Ins Blaue&#8221;. Das war ziemlich druckfrisch. Ich fühlte mich wie ein Entdecker, ein Eroberer. Dieses Gefühl bekomme ich immer noch, wenn ich, fast fünfundzwanzig Jahre später, aus den aktuellen- und vor allem hinter diesen-  Auslagen das eine Buch fische, das besondere, das unwahrscheinlichste.</p>
<p>Zu jedem Wohnungswechsel gehörte das: rauskriegen, wo ist die beste Buchhhandlung. In meinem momentanen Umkreis ist das &#8220;Alice im Bücherland&#8221;, deren Inhaberin Alice Moltzen den Laden mit Kompetenz, Einfühlungsvermögen und großer Leidenschaft führt. Ihre bezaubernden Mitarbeiterinnen sind überaus belesen gebildet, beraten ausgiebig, haben eine sehr persönliche Ansprache und immer alle Zeit der Welt. Es ist nicht so, dass der Laden besonders gerichtet wäre. Nichts Anarchistisches, Subversives lauert hier. Kein Bücherschmuddel, keine fetten Bildbände, sondern von jedem etwas. Die Esoabteilung, die Wellnessecke, die Kinderbücher, Krimifraktion, die Bestseller, Kalender, Lesezeichen, Postkarten, kleine Geschenke rund ums Buch, das Politlager - alles vorhanden. Daneben Klassiker, anspruchsvolle Romane aus aller Welt, auch mal nicht so gängige Perlen, oder, wie man so sagt, Bücher, die es nicht zu Ruhm geschafft haben, obwohl sie es verdient hätten. Ein englisches Regal, Reiseliteratur, Autorenlesungen,  Herr Gott, einfach alles. Und das auf geschätzen 80 Quadratmetern.</p>
<p>Haben Sie schon mal eine Buchhandlung erlebt, wo man vom Fahrrad aus seine Bestellung reinrufen kann? Wo jedes Geschenkbuch ein Hit ist, weil anhand weniger Eckdaten (z.B. um die vierzig, alleinerziehend, Lehrerin, anglophil, kritisch und leicht konfus) drei Bücher auf den Ladentisch kommen und dann im Buchhändlerinnenteam entschieden wird, welches das beste sei? Wo jedes gekaufte Buch nachbesprochen werden kann? Wo jemand so lange nach Ihrem momentanen Geschmack und Ihrer Befindlichkeit fahndet, vom Geldbeutel ganz abgesehen, bis Sie zufrieden einen Kauf getätigt haben? Nie bin ich überredet worden, nie hat man mich gedrängt. Ich bekam im Zweifelsfall eine Tasse Kaffe serviert und keinen bösen Blick, wenn ich dann doch mal unentschieden rausging. So ganz nebenbei partizipiert man von der Bildung des anderen, bekommt seine literarische Geschichte zu hören, und damit immer einen Teil des Lebenslaufes. Und wie symphatisch ist denn das: Buchhändlerin Sabine Nathrath, immer in den stilistisch gewagtesten outfits, auf der gegnüberliegenden Strassenseite. Sie, vertieft in ein Buch, die bebrillten Augen kaum zur Ampel gewandt, wartend auf grün. Erkennt mich nicht, sieht nicht den Verkehr, kommt irgendwie schadlos auf die andere Seite. Nase weiterhin ins Buch haltend. Bitte, wo haben Sie das zuletzt gesehen?</p>
<p>Hier handeln Leute mit etwas, was sie selber lieben, werden dabei nie geringschätzig gegenüber dem Uneingeweihten, müssen keine Diskussionen um Preise machen (eine Buchhandlung ist gottlob! kein Bazar) und schaden mit ihren Produkten eigentlich niemandem. Dazu verbreiten sie eine ungemein charmant fröhliche Atmosphäre, legen eine tolertante Gesinnung an den Tag, sprühen vor Engagement. Dürfen hoffentlich weiter Buchmessen besuchen und Wirtschaftskrisen überstehen. Bücher auf Google? Nein, Danke. Amazon? Nur im Exil.</p>
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		<title>zu &#8220;der ball&#8221;</title>
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		<pubDate>Tue, 08 Sep 2009 22:30:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tünde Pasdach</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[allgemeines]]></category>

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		<description><![CDATA[Liebe Leser,
da ist aufgrund technischer Probleme ein Problem entstanden. Nur die Hälfte des Artikels ist ins Netz gegangen. Ich werde den Rest nachproduzieren. Dann, wann, bei Gelegenheit.
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Leser,</p>
<p>da ist aufgrund technischer Probleme ein Problem entstanden. Nur die Hälfte des Artikels ist ins Netz gegangen. Ich werde den Rest nachproduzieren. Dann, wann, bei Gelegenheit.</p>
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		<title>harry mulisch - augenstern</title>
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		<pubDate>Tue, 25 Aug 2009 22:30:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tünde Pasdach</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[novelle]]></category>

		<category><![CDATA[romane]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein kleines feines süffiges Romänchen. Man könnte sagen in geschliffenem Deutsch, wenn´s nicht auf niederländisch geschrieben wäre. Einen Dank also an die Verwandtschaft der Sprachen und an die Übersetzerin Martina den Hertog-Vogt.
Aufgemacht als Auschnitt einer Autobiografie fliegt uns ein sehr selbstbewußtes Erzähler- Ich entgegen, das den zweiten Weltkrieg nicht klein kriegen konnte. Der junge Mann [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="margin-bottom: 0cm;">Ein kleines feines süffiges Romänchen. Man könnte sagen in geschliffenem Deutsch, wenn´s nicht auf niederländisch geschrieben wäre. Einen Dank also an die Verwandtschaft der Sprachen und an die Übersetzerin Martina den Hertog-Vogt.<span id="more-131"></span></p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Aufgemacht als Auschnitt einer Autobiografie fliegt uns ein sehr selbstbewußtes Erzähler- Ich entgegen, das den zweiten Weltkrieg nicht klein kriegen konnte. Der junge Mann knallt &#8220;im Mai 1945 wie ein Champagnerkorken aus der Flache&#8221; &#8220;nach den endlosen Jahren der Kälte, des Hungers und des Todes&#8221;.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Toll, wie Mulisch das auf der dritten Seite hinkriegt: den Krieg mit seinen Schrecken in einem Nebensatz abzuhandeln, eine Kulisse klarmachend, aber sofort, bevor man auf den Gedanken kommen könnte, dass jetzt ein traumatisierter Charakter eine schröckliche Geschichte erzählen will, deutlich machend, dass das Darben ein Ende hat und der unter Bombenschutt versteckte Schöngeist  endlich zum Zuge kommt. Und das Wort &#8220;Champagner&#8221; läutet den Grundtenor des Buches ein: Luxus, Erfolg, Rausch. Und Kater.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Der Achtzehnjährige möchte weg. In die Wärme. Über Belgien und Frankreich nach Italien. Wanderjahre nannte man das früher. Durch die Gegend jobben heute. Unter den damaligen politischen Umständen war das geradezu waghalsig.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Er landet in Rom, wo er anfängt zu schreiben, &#8220;als ob die Wärme der Sonne ein Ei in mir ausgebrütet hätte&#8221;. Da ist er ja nicht der erste Vogel. Macht nichts. Mulisch schreibt ab dieser Bemerkung viel über das Schreiben, eine Art gläserner Autor. Sehr schön die Stelle über das Aufbauschen: &#8220;Wo ich heute schreiben kann: <em>Es blieb eine Minute lang still- </em><span style="font-style: normal;">dort konnte ich vor vierzig Jahren nur schreiben:</span><em> Es war still, nein, stiller als still, eine tosende Stille, die alles um sich herum übertönte und vom ganzen Haus Besitz ergriff&#8230;.</em><span style="font-style: normal;">&#8221; Etwas weniger amüsant, aber genauso offen und konkret: &#8220;Wenn ich meinen Zustand ausdrücken wollte, mußte ich nicht diesen selbst thematisieren, denn damit wäre ich schnell fertig gewesen, sondern das, wodurch er hervorgerufen wurde. Wurde er vom Golf von Neapel hervorgerufen, so mußte der Golf von Neapel erscheinen. &#8230;..Indirekt sollte es geschehen; nicht Folgen, Ursachen mußten gezeigt werden. Ich mußte mich der Realität zuwenden, dem Naheliegenden, und auf eine paradoxe Weise würde dann alles ganz direkt erscheinen, obwohl es indirekt wäre.&#8221; Erkenntnisse, die man manchem Schriftsteller wünschen würde, die aber zugleich klar machen, dass das reine Erkennen wenig nützt, wenn es nicht von Erlebtem gespeist wird.</span></p>
<p style="margin-bottom: 0cm;"><span style="font-style: normal;">Die</span> eigentliche Geschichte konkurriert niemals mit den Gedanken über das Schreiben, die beiden Stränge gehen ganz galant Hand in Hand. In Rom jobbt der junge Autor an einer Tankstelle. Dort fährt eines Tages ein Rolls Royce vor, Inhaberin ist Mme. Sasserath, cosmopolitane und stinkreiche Witwe von Alphonse Sasserath, dem Erfinder der Sicherheitsnadel. Der junge Mann nimmt den flämischen Wortwechsel des Personals wahr und wendet sich wohlerzogen an Mme S.:&#8221;Gnädige Frau, ich muß sie darauf aufmerksam machen, dass ich Sie verstehen kann.&#8221; Jetzt beginnt sein Traum. Er wird stante pede in den Rolls verfrachtet und landet auf Capri in einem Pallazo, einem der vielen Domizile von Mme S. Seine Manuskripte läßt er übrigens liegen. Sein Gepäck, das &#8220;wie ein Fettfleck auf einer seidenen Krawatte&#8221; in seiner Suite liegt, wird bald nicht mehr gebraucht. Anzüge werden bereitgestellt. Die Kunstsammlung der Sasseraths machen Museumsbesuche überflüssig. Die Gespräche mit der über neunzigjährigen Dame, die ihn zärtlich ihren Augenstern nennt, sind anfangs  geprägt von Ehrfurcht, spitzbübiger Lebendigkeit und Altklugheit seinerseits, von ihrer Seite kommen Erinnerungen, Nachsicht, mitunter aber auch Schärfe. Zwei Dialoge sind mir nahegegangen. Einmal, beim Gespräch über ihren verstorbenen Gatten , wendet sie sich an ihren Augenstern: &#8220;Der Tod&#8230;..&#8221; &#8230;&#8221;Aber du hast die ewige Jugend.&#8221;&#8230;..&#8221;Das ist ein schöner Besitz,&#8221;      &#8230;.&#8221;Aber nicht in der Stunde deines Todes, mein Lieber.&#8221; Wer denkt da nicht an Dorian Gray? Und an der anderen Stelle werden die beiden o.g. Stränge zusammengeführt. Unser Schriftsteller äußert sich nach harter Gedankenarbeit: &#8220;In seiner ganzen Unantastbarkeit wird mein Werk schließlich dastehen wie&#8230;wie.. der Vesuv.&#8221;Mme. Sasserath bekommt einen Lachanfall. Bis hierhin schien die Vermessenheit unseres Mannes an ihr abzuprallen, aber nun, ohne ihn tadeln zu müssen, macht sie ihm seine Überheblichkeit, seinen Superanspruch durch die lauteste Reaktion die sie im Buch von sich gibt klar. Noch schöner, sie wird das erste Mal symphatisch.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Der junge Mann heilt die alte Dame von ihrer Schlaflosigkeit. Die Unfähigkeit zu träumen rufe das Phänomen hervor. Was läßt sie noch träumen ? Die Erinnerung an einen Traum. Was für ein guter Einfall: jemanden durch Träume wieder in die Realität zu holen.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Tja, was ist nun dieser Capri Traum für den jungen Autoren? Ein goldener Käfig? Eine gesellschaftliche Beförderung? Klausur? Die letzte große Tat von Mme Sasserath ist die Einweihung eines ehrgeizigen Projektes: eine Seilbahn zum Vesuv, die ihrer Form nach einer Sicherheitsnadel entspricht. Diese Einweihungsprozedur läßt den Augenstern zu Amtspersonen reden, als wäre er das persönliche Sprachrohr der Dame. Er bekommt Macht. Nun, diese Macht schwindet dahin, als er, nach erster Fahrt mit ihr im Lift ohne sie zurückkommt. Mme. lößt sich nähmlich während der Fahrt einfach in Luft auf. Da stehen sie nun alle und klagen ihn des Hochverrates, des Mordes an. Und er, der während der Fahrt Visionen von Menschen hatte, die ihm entgegenkommen, alle auf merkwürdige Weise vertraut, ein Spuk der Menschheitskette, alle Stände, Geschlechter, Nationen rollen da an ihm vorbei, hat auf einmal Todesangast. Lynchstimmung kommt auf. Ihn retten Konventionen, unterlassener Diensteifer, Trinklaune, eine vorgetragene Ödipus Geschichte und Zitate aus dem Alten Testament, kurz, dieselbe Kultur, die er auf Capri genossen hat. Der Traum retttet den Traum.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">In einem Atelier des Arztes, der Mme. nicht in den Schlaf bringen konnte, aber die wunderbaren Rettungsverse bereithielt, zwischen den anatomischen  Reproduktionen von Leben und Tod findet er Ruhe. Verleibt sich eine Blume von Mme., die sie auf der Seilbahnfahrt mit hatte ein, vergewissert sich seiner surrealen Erlebnisse.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Das Leben? Ein elliptischer Traum auf dem jeder Neueinsteiger dem Alten begegnet. Nicht gleichsam und ruhig, sondern unter Spannung stehend mit der Möglichkeit von der Spitze zu fallen, falls sich der Verschluß der Sicherheitsnadel öffnet.</p>
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		<title>beth gutcheon - an einem morgen im mai / charlotte link - die letzte spur</title>
		<link>http://www.buchkontakte.de/literatur-blog/beth-gutcheon-an-einem-morgen-im-mai-charlotte-link-die-letzte-spur/</link>
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		<pubDate>Tue, 04 Aug 2009 20:23:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tünde Pasdach</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[krimis]]></category>

		<category><![CDATA[romane]]></category>

		<category><![CDATA[gutcheon]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich möchte diese beiden Bücher nicht weiter besprechen. Sie sind es nicht wert. Sie haben nichts gemeinsam, ausser dass sie mein Lesefutter in einem diätischen Urlaub waren.
Aber  endlich kann ich nach dieser Lektüre in Worte fassen, was mich an dem Writer Stil nervt. Diese Texte, die anscheinend anhand von Karteikarten geschrieben werden. Lege einen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="margin-bottom: 0cm;">Ich möchte diese beiden Bücher nicht weiter besprechen. Sie sind es nicht wert. Sie haben nichts gemeinsam, ausser dass sie mein Lesefutter in einem diätischen Urlaub waren.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Aber  endlich kann ich nach dieser Lektüre in Worte fassen, was mich an dem Writer Stil nervt.<span id="more-103"></span> Diese Texte, die anscheinend anhand von Karteikarten geschrieben werden. Lege einen Charakter so und so an, bis dann und dann muss er eingeführt werden, streu auch ein wenig Naturbetrachtung ein. Der Leser soll schon nach den ersten zwei Seiten an die story rangeführt worden sein und  mach dir unbedingt bunte  Dramaturgielinien für dein Skript. Spar auch nicht mit persönlichen, unverwechselbaren Kleinigkeiten, sie lassen deine Personage real erscheinen. Wechsel beschreibende Passagen mit Dialogen ab. Recherchiere genau. Hab immer dein Ziel vor Augen. Tiefpunkte geben dir die Möglichkeit, dein Werk nochmal kritisch zu betrachten. Glaub an dich. Niemand kann deine story schreiben, du musst es selbst tun. Tu es. Jetzt. Good bless you.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">
<p style="margin-bottom: 0cm;">So waren bislang meine Schmähworte.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Link bringt es fertig ihre Hauptfigur alles verstehen zu lassen. Und kommt so zu einer vermeindlich genauen Charakterisierung ihrer Personen. Das ganze hat leider den Tiefgang der Psychologierubrik einer Frauenzeitschrift.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">In etwa so: R. stellt sein Glas ab. Warum hat er das bloß getan? War der Wein wirklich schlecht? Hätte sie sich dann den lästigen Weg zum teuren Händler nicht sparen können? Hat er überhaupt gewußt, dass sie knapp bei Kasse ist? Oder hat er einfach keinen Durst? Kann das sein, nachdem er acht Stunden ohne Unterbrechung gearbeitet hat? Vielleicht ist sein Magen übersäuert. Klar. Der Stress der letzten Monate, die Belastung durch die Scheidung, das muss ihm zugesetzt haben. Und die ganze Zeit muss er Rücksicht nehmen auf andere, im Büro, auf seine Ex-Frau&#8230; Da sollte so eine Geste nicht kränken. Vielmehr darf ich mich freuen, dass er so direkt mit mir umgeht. Zeigt das nicht, dass er bei mir ganz er selbst sein kann?</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Derartiges ist natürlich ungemein lästig, zumal alle paar Seiten auftretend. Man fühlt sich als Leser  etwas entmündigt und literarisch geradezu hintergangen. Manch ein Schriftsteller ließe R. das Glas abrupt abstellen, um seinen Gemütszustand auszudrücken, ein anderer setzte das Wort &#8220;entschieden&#8221;, meinetwegen sogar &#8220;gereizt&#8221; ein. Ein anderer ließe nochmal eine Fliege vorher reinpurzeln oder beschriebe den Klang von dem Glas auf die Tischplatte,  die sich bewegende Flüssigkeit, den rechten kleinen Finger, oder das Glas kommt nur ganz knapp auf dem Tisch zu stehen, oder eben nur: R. stellt das Glas ab und damit hat sichs.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">
<p style="margin-bottom: 0cm;">Was fehlt, ist die Kunst des Weglassens und das Vetrauen auf die Wirkung eines Bildes. Was fehlt, ist die Fähigkeit, aus der Zusammenstellung des Alltäglichen ein Kunstprodukt zu machen. Das Leben und Fühlen von Links Figuren bleibt trotz dramatischer Ereignisse auf dem Niveau eines nachmittäglichen unverfänglichen Gequassels von gebildeten Frauen, die eigentlich auf dem Sprung  zum Kinderabholen sind.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Gutcheons story basiert, bis auf das Happy End, auf Tatsachen. Na und?  Geht sie deshalb mehr unter die Haut? Lesen Sie bei Wikipedia den echten Fall nach, der ist viel gruseliger und lässt die Opfer (ich meine die Eltern des entführten Kindes) in mehr als einem Licht erscheinen.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Bereits nach den ersten paar Seiten ist die Protagonistin, deren Kind spurlos verschwunden ist, total fertig, mit den Nerven runter, restlos alle. Oh Mann, denke ich, wie soll sich das noch steigern oder welche Wendungen kann das nehmen, um einen neuen dramatischen Bogen entstehen zu lassen? Es folgt kein wirklich neuer Bogen. Von Gefühlsausbruch zu Gefühlskiste schwappt eine Szene in die nächste. Überall Probleme, denen aber, hey, ganz menschlich begegnet wird, weil wir sind ja alle vielschichtige Menschen und unter jeder Oberfläche verbirgt sich was. Das presäntiert sich dann aber nicht minder oberflächlich, sodass man sich um die Reflexionsfähigkeit und Ernsthaftigkeit der Menschheit wirklich Sorgen macht.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Es ist nicht so, dass Gutcheon maßlos übertreibt. Alle Situationen, sogar die Dialoge könnten annähernd so stattfinden. Bloß öffnet sich keine neue Tür des Verständnisses. Es ergibt sich keine außergewöhnliche Betrachtung, obwohl doch die Geschichte höchst außergewöhnlich ist und darin liegt ja auch ihr Zündstoff. Auch das könnte eine Qualität sein, zu zeigen, dass es jeden treffen kann. Und dann beschreibt man eben das Umfeld, die Gefühle und Gedanken der Personen, deren Verhältnisse, etc. Dennoch muss ich als Kreateur auswählen, schleifen, verknüpfen. Und ich muss Alltägliches in einen wie auch immer gearteten Zusammenhang stellen. Die reine Dokumentation wäre sicherlich beklemmender gewesen, als diese pseudo aufdeckende Schreibweise.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Das ganze als Film, als Theaterstück hätte vielleicht zu dem geführt, was ich vermisse: Menschen mit unverwechselbarem Gesicht, im anderen Medium ausgefüllt durch einen echten Schauspieler. Denn das Menschen morden, pervers, ehebrecherisch und berechnend sind, weiß ich auch ohne dieses Buch. Was ja allemal heißt, dass Gutcheons eins nicht kann: mich durch Worte beindrucken.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Deshalb nochmal die Grundkritik: Story, Handlungsbögen, Einführung der Charaktere, all diese technischen Hifsmittel, meinetwegen Handwerkszeuge, reichen nicht aus, wenn kein Gespür für den poetischen Umgang mit Sprache, kein Sinn für kräftige Bilder, kein Mut zur Andeutung, keine Lust, den Leser zu überraschen, vorhanden sind. Schreiben, gut schreiben, ist kein Sport.</p>
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		<title>hakan nesser - das falsche urteil</title>
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		<pubDate>Sun, 02 Aug 2009 19:52:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tünde Pasdach</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[krimis]]></category>

		<category><![CDATA[nesser]]></category>

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		<description><![CDATA[Nesser schreibt Krimis, die das Zusatzwort Roman wirklich verdienen. Die Spannung kommt mit einer gekonnten Mischung von knorrigem Kommissar, charakterstarkem Team, Gesellschaftskritik und den großen Sinnfragen des Lebens. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="margin-bottom: 0cm;">Ein geradliniger Schwedenkrimi mit Kommissar Van Veeteren, Rückblenden wie in schwarz-weiss, einer guten Portion schnodderig schwarzem Humor, einem dämlichen Polizeichef samt gut charakterisiertem Team und einem glaubwürdigen, moralisch heiklem Plot.<span id="more-89"></span></p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Kümmern wir uns zuerst um Van Veeteren. Der Klappentext verrät, dass Nesser hier eine Figur schuf, die das Zeug zum Klassiker hätte. Das kann wohl sein, wenn man denn etwas mehr über ihn erfahren würde. Geschieden, mit leicht sehnsuchtsvollem Verhältnis zu seinem Sohn, erinnert er mich zunächst an Komissar Beck. Kaum freue ich mich aufgeregt, dass der schwedischste aller Komissare zu neuem Leben erweckt wird, bekomme ich den ersten Dämpfer: Van Veeteren, kurz VV, ist so hart und grantig wie ein echter Chandler-Held. Ich fahre meine Wunschvorstellungen zurück und versuche die Figur den ganzen Roman über entstehen zu lassen.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Der Mann hat Darmkrebs. Vor der anstehenden Operation hat er Angst. Halluziniert sich unters Messer und die rücksichtslosen Finger der Chirurgen.Verantwortung abgeben ist nicht seine Sache. Dass er an der Krankheit nicht ganz unschuldig ist, erfährt man aus seinen Konsumgewohnheiten: Bier wann immer es geht, Zigaretten, schön fettiges Essen, unregelmäßig eingenommen. Und die Kombination Grübeln im Privaten/leidenschaftlich bis rastlos im Job entspannt ja auch nicht gerade.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Kaum aufgewacht aus der Narkose, übernimmt VV direkt wieder das Ruder. Läßt seine Leute antanzen, die nehmen ihre Fallbesprechungen auf Cassette auf, so kann der Meister weiterhin am kriminalistischen Kombinieren teilnehmen, ach was, wieder mal allen zeigen, wer das eigentliche Superhirn der Truppe ist. Und die dankt es ihm. Ohne Vatti läuft halt nix.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Für VV macht sogar das Krankenhaus Extraregeln,was einen zumindest gedanklich dazu verleiten lässt, dass das nächste mal selbst auszuprobieren: beleidige die Krankenschwestern, fordere vehement deinen Alk ein, überschreite rücksichtslos alle Regeln wie Besucher-Essen-Ruhe-Zeiten . Aber ich weiß schon. Unsereinem erginge es dabei schlecht. Wir alle sind ja auch nur auf dem Niveau vom VV Team.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Irgendwann zwischendurch muss der Kommissar mal ganz viel Philosophiekontakt gehabt haben. Anselms Gottesbeweis, Misstrauen gegenüber Wörtern , Fragen nach Muster und Ordnung im Dasein&#8230;..Geschickt reißt Nesser die Theman nur an, belehrt nie, schiebt sofort profane Gedanken hinterher. Dennoch bringt mir das den Kommissar nicht näher; diese Überlegungen könnten von mindestens drei anderen Personen folgerichtig im Roman angestellt werden, oder besser, von Nesser selbst. Ich erwische mich dabei, nicht nach Täter und Motiv zu suchen, sondern frage mich: &#8220;Wer ist VV?&#8221;  Das könnte ein genialer Schachzug des Autors sein, vielleicht setzt er seine Hauptenergie in die Ermittlung seines Ermittlers.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">A propos Schachzug: der einzig geistig ebenbürdige Charakter ist ein Poet, mit dem unser Kommissar gelegentlich das königliche Spiel teilt. Seine minimalistischen Gedichte verführen ihn zum Nachdenken, hier hat er einen intellektuellen, unabhängigen Geist vor sich sitzen. Naja, es gibt noch den oft zitierten Reinhart, der mit Sprüchen aus dem off Lebensweisheiten von sich gibt, fast wie ein toter Kollege. Reinhart gehört dennoch lebendig zum Team, ein wenig ausgelagert, Papa zwei.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Ich könnte noch weiter über VV nachdenken, über seine Vorstellungen von der rechten Musik zum richtigen Zeitpunkt (schöne Passage. Endet nach längerem Versuch des sich Ausdrückens wieder im Profanen. &#8220;Das muss man einfach fühlen.&#8221;), über sein Befremden gegenüber seiner Wohnung, etc. Ich hoffe, dass sich die Person besser erklärt, wenn ich mehrere Romane mit ihr gelesen habe, aber  es gefiele mir auch im Ungewissen zu bleiben. Das wäre dann ebenfalls ein roter Faden.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Und dann entscheidet sich Kommissar Van Veeteren für den vermeindlich einfachen Weg der Gerechtigkeit. Weg mit aller Phlilosophie, hier kommt der Tatenmensch.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Die Story in Kurzform: ein verschlossener Sonderling wird Mitte der 50iger Jahre zum Langstreckenläufer. Star der schwedischen Laufstaffel. Doping überführt, Zusammenbruch der Karriere. Unklar bleibt die Schuldfrage, besser, die Frage nach den Verantwortlichen. Der Sonderling wohnt einsam und betreibt eine Hühnerzucht. Hat Affairen. Eine seiner Bettgenossinnen wird tot aufgefunden. Er wird des Mordes angeklagt und zu 12 Jahren Haft verurteilt. Der Mann wird in den 70iger Jahren entlassen und prompt wiederholt sich das Spiel. Bettgenossin tot im Wald , wieder 12 Jahre Knast. In den frühen 90igern wird er freigelassen und dann selbst massakriert. Im Wald gefunden, halb verwest, Füße ab, Hände ab, Kopf ab. Soll den mal einer identifizieren.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Nun, das Team schafft es. Dann will der Fall nicht richtig voran kommen, alles baut auf Ahnungen und Indizien, gerade so, wie der arme Läufer überführt wurde. Man ist sich einig, der Mann wurde zweimal unschuldig eingebuchtet. Jetzt schießt der Polizeichef quer: Einstellung der Ermittlungen. Denn: 1. Keine klare Beweisführung, 2. Wer hat denn jetzt noch was von der Überführung des wahren Mörders? Sind doch alle tot oder alt oder so jung und nachkömmlich, dass sie mit dieser alten Geschichte nicht belastet werden sollten. Polizei und Gerichtswesen sowie Allgemeinheit und Rechtsbewußtsein hätten auch nichts davon. Wer dann?</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">&#8220;Ich&#8221;, antwortet der Kommissar selbstbewußt und fast ein wenig naiv. Und der wahre Mörder. Der kann sich ja mal freuen, wenn die Geschichte des Massakrierten als Knastgeschichte ad akta gelegt wird und der Frauendoppelmord als vor Jahren nachgewiesen und gesühnt gilt.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Hier entsteht ein wirklich guter Dialog zwischen VV und seinem Chef. Der Kommissar macht anhand von &#8220;Klemkes Rasiermesser&#8221; (eine soziologischen Studie, ein psychologisches Phänomen, eine zum Sprichwort mutierte Begebenheit aus einem anderen Roman? Wer immer das kennt,setze mich in Kenntnis) seinem Vorgesetztem klar, wie falschzüngig dessen Stellungsnahme (&#8221;Wir haben jetzt wichtigere Aufgaben&#8221;) ist. Dass es hier um das fadenscheinige Spiel geht, Anweisungen von oben nach unten so aussehen zu lassen, als hätten die Oberen mit den Unteren ein gleichberechtigtes Gespräch gehabt, was zu gemeinsamen Ergebnissen führte. Van Veeteren spricht von &#8220;demokratischer Politur&#8221;der Machthaber. Und fügt deutlich hinzu:&#8221;Du befiehlst mir also, einen Dreifachmörder herumlaufen zu lassen?&#8221;</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Damit hat er ihn. Bekommt seine Lizenz zum Weitermachen. Ohne Team. Was VV ganz gut in den Kram passt.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Toll an dem Dialog ist auch die Umkehr der Abhängigkeitsverhältnisse. Der freie Mann scheint VV zu sein (weil er seiner Überzeugung treu bleibt?), der Chef nur Ausführender. Das kennt man natürlich aus vielen Krimis, der weisungsgebundene blöde Vorgesetzte, der wie ein Spielball ohne eigene Haltung wirkt. Es ist wieder das o.g. Mittel, was die Szene zur gelungen macht: Anspruchvolles gesetzt gegen Profanes.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Und was macht VV, alleingelassen? Beantwortet sich die selbst gestellte Frage, ob er jemals zur Selbstjustiz greifen falls er absolut sicher von der Schuld eines Mörders wissen würde, mit einem klaren ja und schubst den wahren Mörder vom Balkon. Ob ihn dieser Moment wirklich in allen düsteren Nächten seines Lebens begleiten wird ,weiß man nicht so genau. Nesser behauptet es mal. Und der muss VV ja am besten kennen.</p>
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		<title>georg jonathan und richard david precht - die instrumente des herrn jorgensen</title>
		<link>http://www.buchkontakte.de/literatur-blog/georg-jonathan-und-richard-david-precht-die-instrumente-des-herrn-jorgensen/</link>
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		<pubDate>Sat, 09 May 2009 23:13:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[krimis]]></category>

		<category><![CDATA[precht]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Handlung plätschert. Jorgensen, Kriminalassistent aus Kopenhagen, wird für ein Jahr auf die Insel Lilleo versetzt,  Programm der Regierung, alle Städter sollen mal ihr soziologisches Wissen erweitern.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ein Roman. Ein Krimi. Ein Roman. Ein philosophischer Krimi?</p>
<p>Die Handlung plätschert. Jorgensen, Kriminalassistent aus Kopenhagen, wird für ein Jahr auf die Insel Lilleo versetzt,  Programm der Regierung, alle Städter sollen mal ihr soziologisches Wissen erweitern.<span id="more-93"></span></p>
<p>Da sitzt er nun und sucht sich Aufgaben. Ein bißchen Landesgeschichte, etwas Politik, einen Schuß Schauermärchen und Mythen, ein paar Freaks, eine Gruppe fanatisch religiös Irregeführter, ein Polizeiarchiv, dass es zu sortieren gilt, ja und die jorgensensche, sprich die prechtsche, Betrachtungsweise dieser Themen.</p>
<p>Einen Fall gibt es nicht. Es gibt nur Einfälle des Kriminalassistenten. Man ist schon glücklich, dass es zu überhaupt einem dramatischen Höhepunkt kommt, der sich am roten Faden entlangspult. Jorgensen baut über Seiten immer wieder mal an einer Art Taucherglocke, die zum Schluß ihren Einsatz in der sagenumwobenen Bucht hat und er findet-nichts. Alle seine neuen Freunde, die fast schon wieder die alten sind, weil er sie, wir sind am Ende des Romans, verlassen muß, feiern mit ihm diese spektakuläre Aktion. Ja, ja, Wege sind wichtiger als Ergebnisse. Und die Ergebnisse, die Jorgensen recherchiert, läßt er in jener Standuhr verschwinden, die ihm die Geheimnisse preisgab.</p>
<p>Wir erfahren nicht viel von Jorgensen, trotz der detailfreudigen Darstellung z.B. seines Arbeitstisches. Wir wissen wenig über seine Freundin in Kopenhagen, wissen nicht, wie er seinen Vorgesetzten einschätzt, er ist so da, wie wir uns an Naja-Tagen fühlen. Die Brüder Precht lassen immer mal wieder eine Fährte aufblitzen, lenken uns in Verdächtigungen, so wie ein Krimiautor eben mit dem Mißtrauen spielt. Das alles endet, wie gesagt, im Nichts.</p>
<p>Sicher, ein Mensch ist die Summe seiner Erfahrungen, Betrachtungen, ist Teilprodukt der Summe der Erfahrungen und Betrachtungen anderer und, wenn aufgeschrieben, auch noch Objekt der Betrachtung und Erfahrungsmacher für den Leser. Und die Prechts haben außer der story ein Anliegen, ganz bestimmt, das zeigen sie in den philosophischen Ausschweifungen auch ganz deutlich. Mir wäre ein Buch mit &#8220;hier kommt Philosophie anhand von Geschichten verdeutlicht und eindringlich erlebbar gemacht&#8221; lieber gewesen. Was der Richard David dann ja in seinen darauffolgenden Büchern auch getan hat.</p>
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		<title>irene nemirovsky - der ball</title>
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		<pubDate>Fri, 27 Mar 2009 21:23:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tünde Pasdach</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[novelle]]></category>

		<category><![CDATA[nemirovsky]]></category>

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		<description><![CDATA[Gelesen in einer Nacht und dem darauffolgendem Morgen.
Nachdem mir meine Buchhändlerinnen der Bücherei Moltzen drei mal Nemirovsky empfohlen haben, endlich ein Kauf. Und eine Enttäuschung.
Von einer Novelle erwarte ich mehr Aufruhr, Erzählung wär wohl das angemessenere Wort für dieses Druckerzeugnis. Die Charaktere bleiben flach, Schlaglicht bekommen sie schon, aber keine Ausleuchtung. Sie sind auf ein [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Gelesen in einer Nacht und dem darauffolgendem Morgen.</p>
<p>Nachdem mir meine Buchhändlerinnen der Bücherei Moltzen drei mal Nemirovsky empfohlen haben, endlich ein Kauf. Und eine Enttäuschung.<span id="more-76"></span></p>
<p>Von einer Novelle erwarte ich mehr Aufruhr, Erzählung wär wohl das angemessenere Wort für dieses Druckerzeugnis. Die Charaktere bleiben flach, Schlaglicht bekommen sie schon, aber keine Ausleuchtung. Sie sind auf ein paar Gefühle reduziert- prägnant, würde der Liebhaber sagen. Allein, es fehlt die Möglichkeit sich Weiteres bei den Personen vorstellen zu können. Sie öffnen keinen Projektionsraum, laden nicht zum Sinnieren ein.</p>
<p>Um was gehts: Ein pubertierendes Mädchen in einer aufstrebenden jüdischen Familie in Paris 1930. Die Eltern wollen eine dicke Party steigen lassen, die erste, die ihr gesellschaftliches Ansehen vorantreiben soll. Man lädt alles ein, was man jemals kennengelernt hat, auch Leute mit zweifelhafter Reputation. Antoinette, unsere junge Heldin, schreibt unter elterlichem Druck die Einladungskarten. Dabei wird klar, dass sie selbst auf dieser Party höchst unerwünscht ist. Ab in die Kammer mit dem Kind, im Kinderzimmer läßt sich prima die Bar aufbauen. Gehässigkeit pur.</p>
<p>Sie wird von ihrer mit der Versendung beauftragten Gouvernante dazu verdonnert, die Kartenin den Briefkasten zu werfen, die Gouvernante hat mit ihrem Rendezvous genug zu tun, nicht ganz so gehässig, aber eben doch nach dem Radfahrerprinzip. Gibt Antoinette die erste Einladung der schrulligen Klavierlehrerin noch in die Hand, die ist doof, kennt aber so viele und soll, so denken die Eltern, mal schön rumerzählen in ihren Kreisen, wie herrlich die Party war. Nimmt die Kleine die Karten, ganz Wut und Trotz, und schmeißt sie in die Seine. Ab in den Fluß damit, die Eltern warten am Ballabend vergeblich auf Gäste.</p>
<p>Nur die olle Klavierlehrerin kommt, und die erzählt jetzt bestimmt nichts Gutes rum.</p>
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		<title>joseph roth - radetzkymarsch</title>
		<link>http://www.buchkontakte.de/literatur-blog/joseph-roth-radetzkymarsch/</link>
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		<pubDate>Wed, 18 Mar 2009 22:44:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tünde Pasdach</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[romane]]></category>

		<category><![CDATA[roth]]></category>

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		<description><![CDATA[Mein 5ter Roth. Gelesen in 4 Nächten. Lebendige Naturbeschreibungen,eindringliche Charaktere über die Physiognomie , die Gesten. Roth ist ein großes Auge, über das Äußere bekommen wir Verständnis für das Innenleben der Figuren, über die Beschreibung der Landschaft, der Dörfer, der Biotope nehmen wir Zeitdauer, Umwälzung, Ankündigung wahr.
Obenan das Gefühl von Verlust. Verlust der Monarchie, Verlust [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mein 5ter Roth. Gelesen in 4 Nächten. Lebendige Naturbeschreibungen,eindringliche Charaktere über die Physiognomie , die Gesten. Roth ist ein großes Auge, über das Äußere bekommen wir Verständnis für das Innenleben der Figuren, über die Beschreibung der Landschaft, der Dörfer, der Biotope nehmen wir Zeitdauer, Umwälzung, Ankündigung wahr.<span id="more-47"></span></p>
<p>Obenan das Gefühl von Verlust. Verlust der Monarchie, Verlust einer Ordnung. Die Beschreibung des österreich-ungarischen Kaisertums als Utopie einer gerechten einfachen Welt. Drei Generationen der Trottas begleiten das Leben des Kaisers und steuern, wie er selbst, dem Werteverfall, der Sprachlosigkeit, dem Tod entgegen.</p>
<p>Drei geadelte Generationen der Trottas. Ein Wunder, dass diese Wesen mit verkümmertem Liebesleben überhaupt Nachfahren schaffen konnten. Der älteste, Joseph, slowenischer Sohn eines invaliden Unteroffiziers (dessen Vater noch Bauer war)  aus Sipolje, rettet als Infanterieleutnant 1859 in der Schlacht bei Solferino dem Kaiser Franz Joseph das Leben. Wird geadelt, verliert hierdurch seine roots, ist knorrig, knurrend, einsam. Mit seinem Sohn Franz (sic! ) fährt er zur Totenbahre des Vaters. &#8220;Vergiß ihn nicht, den Großvater&#8221; , sagt er ihm, als drückte man einem Kind ein Kuscheltier in den Arm und befehle ihm, es lieb zu haben.</p>
<p>Franz wird die Militärlaufbahn verboten, da der Joseph, der Lebensretter, seine Geschichte verdreht in den Geschichtsbüchern fand. Aha, da wird österreichisch aufgemotzt, was doch eine selbstverständliche ehrenwerte Sache war. Mit Standesdünkel ist den Trottas aber nicht zu kommen. Man ist angedockt an die poltische Macht, die einem Gnade, Bürde und Pflicht zugleich ist. Gesellschaftliche Position, Ausnutzung von Titeln, Verständnis vom ehrenwerten Leben sind aber unheilbar miteinander verknüpft und über diese Stricke fallen die Trottas.</p>
<p>Roth erkennt die Mißstände der Monarchie, wie auch der aufkommenden Revolution. Er sieht die Menschen und die Menschlichkeit hinter beiden. Der alte sterbende Kaiser erkennt: der Krieg ist Sünde. Nur schade, dass ihn niemand mehr hört. Der Kaiser befördert einen jungen Soldaten, wie einst den alten Trotta, ganz nach Gutdünken und zerstört damit dessen Leben. Hei, da wirft man mit Huld um sich und Bumms fällt jemand um. Schade aber auch. Aber des Kaisers Debilität ist nur augenscheinlich. Er benimmt sich kindlich einfach, seine von ihm selbst für sich selbst geschaffenen Verhaltensgesetze diktieren ihm Bescheidenheit. Eine Mischung aus naivem Kind und allwissendem Greis. Er steht mit Gott im Bund, ist von ihm berufen und ihm, wie auch seinen Räthen untergeben.</p>
<p>Der Kaiser ist  für den Bezirkshauptmann Franz von Trotta Gottvater. Gottes Gesetz ist Kaisers Gesetz. Im Kaiser erkennt er Gott besser, als in der Kirche. Man beichtet ihm die Schuld des eigenen Sohnes Carl Joseph. Geldprobleme? Man wendet sich an den Kaiser. Versetzung des Sohnes? Her mit dem Kaiser. Lebenskrise? Das Bildnis des Kaisers schafft Klarheit im moralischen Schlamassel. Irgendwie putzig. Man denke: würde heute hier einer zum zum Kanzler laufen als Beamter o.ä. , wenn man sich orientierungslos wähnte? Manch einer läuft noch zum Papst, dessen herrausragende Stellung im Buch ja aber der Kaiser einnimmt.</p>
<p>Er, durch Gottes Gnaden ermächtigt, hat die Omnipotenz. Er ist moralischer Gebieter, Grenzensetzter. Nur einmal stellt der jüngste Trotta, der Carl Joseph, ungewollt im und ungeliebt vom  Militär fest, dass es wohl noch andere Erdenreiche gibt, andere Herrscher. Da stoppen seine Gedanken. Wenn er raus will aus des Kaisers, sprich des Vaters Klauen, kommt er doch nur an die Grenze des Reiches, versetzt in den östlichsten Winkel, der trostlosen Heimat des Autors selbst. Raus? Keine Chance. Ein Trotta kann kein Leben außerhalb der kaiserlichen Grenzen aufbauen, er würde am Schwindel der Freiheit zugrunde gehen.</p>
<p>Durch die äußere Ähnlichkeit des Bezirkshauptmanns und dem Kaieser, oftmals im Roman betont, letztendlich in der leibhaftigen Gegenüberstellung von beiden bemerkt, kommt Trotta II nicht etwa in göttliche Nähe, sondern das Brüderliche, das Seelenverwandte wird hier beschworen. Trotta III bleibt diese Nähe verwehrt. Sein Soldatentum führt zu Gedankenmechanismus, hohle Phrasen, die der Leutnant Carl Joseph gar nicht haben will, ihm aber reflexartig durch den Kopf schießen. Sein Drill beleidigt ihn, er fühlt die Marionette in sich. Grün und blau will er seinen Laufburschen schlagen, als dieser sich unerlaubt entfernt. Das sagt er ihm auch, aber fühlen tut ers nicht. Zumal der Bursche wegging, um ihm Schuldgeld zu besorgen.</p>
<p>Das ist das Tragische an den Personen: oft wollen sie etwas liebevolles, persönliches sagen, können es nicht und stammeln kurze harte Sätze. Immer bleibt die Frage offen, ob das Gegenüber des Redners die eigentlichen Gedanken lesen kann; man wünscht es sich so sehr. Man wünscht sich, dass die feingesponnenen Naturbetrachtungen die Figuren erreichen, wünscht ihnen die Erkenntnisse, die Roth hat.</p>
<p>Gott sei Dank habe ich schon den &#8220;Hiob&#8221; gelesen, der versöhnlichere Momente hat. Zwar kann auch hier niemand aus seiner Haut, gelangt jedoch in andere Zusammenhänge. Der Alte in &#8220;Hiob&#8221; wandert mit einer Familie in die USA aus, dort versöhnt er sich nach vielen Schicksalschlägen mit sich selbst, seinen Mitmenschen, seiner Religion. Kitschig, vielleicht, aber gutmütig und positiv ausblickend.</p>
<p>Was nicht in Trostlosigkeit, Untergang oder Tod endet, ist wenig im &#8220;Radetzkymarsch&#8221;: ein Arzt, ein Bauer, ein Kanarienvogel und ein Schachbrett.</p>
<p>Der Bauer, ehemals Bursche des Leutnants Carl Joseph, ist auch die einzige Figur, in der Treue schlicht und ehrenwert, Desertation nicht unehrenhaft, sondern befreiend wirken. Onufrij darf den Boden wieder bearbeiten, darf ein ruhiges Leben führen. Den Trottas, denen man alles Glück wünscht, Kinder, Freiheit, Geistesblitze, die sie zu einem eigenständigen Leben befähigen, bleibt dies alles versagt.</p>
<p>Wer immer militärische Vorfahren hatte, kann diese Tragödie besonders gut nachvollziehen und möchte sich hinterher hemmungslos besaufen. Wer immer meint, Roth habe einen konservativen pro Monarchie Roman geschrieben, leidet an jener Verblendung, die er Roth vorwirft.</p>
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