Literaturblog
Ich möchte diese beiden Bücher nicht weiter besprechen. Sie sind es nicht wert. Sie haben nichts gemeinsam, ausser dass sie mein Lesefutter in einem diätischen Urlaub waren.
Aber endlich kann ich nach dieser Lektüre in Worte fassen, was mich an dem Writer Stil nervt. Diese Texte, die anscheinend anhand von Karteikarten geschrieben werden. Lege einen Charakter so und so an, bis dann und dann muss er eingeführt werden, streu auch ein wenig Naturbetrachtung ein. Der Leser soll schon nach den ersten zwei Seiten an die story rangeführt worden sein und mach dir unbedingt bunte Dramaturgielinien für dein Skript. Spar auch nicht mit persönlichen, unverwechselbaren Kleinigkeiten, sie lassen deine Personage real erscheinen. Wechsel beschreibende Passagen mit Dialogen ab. Recherchiere genau. Hab immer dein Ziel vor Augen. Tiefpunkte geben dir die Möglichkeit, dein Werk nochmal kritisch zu betrachten. Glaub an dich. Niemand kann deine story schreiben, du musst es selbst tun. Tu es. Jetzt. Good bless you.
So waren bislang meine Schmähworte.
Link bringt es fertig ihre Hauptfigur alles verstehen zu lassen. Und kommt so zu einer vermeindlich genauen Charakterisierung ihrer Personen. Das ganze hat leider den Tiefgang der Psychologierubrik einer Frauenzeitschrift.
In etwa so: R. stellt sein Glas ab. Warum hat er das bloß getan? War der Wein wirklich schlecht? Hätte sie sich dann den lästigen Weg zum teuren Händler nicht sparen können? Hat er überhaupt gewußt, dass sie knapp bei Kasse ist? Oder hat er einfach keinen Durst? Kann das sein, nachdem er acht Stunden ohne Unterbrechung gearbeitet hat? Vielleicht ist sein Magen übersäuert. Klar. Der Stress der letzten Monate, die Belastung durch die Scheidung, das muss ihm zugesetzt haben. Und die ganze Zeit muss er Rücksicht nehmen auf andere, im Büro, auf seine Ex-Frau… Da sollte so eine Geste nicht kränken. Vielmehr darf ich mich freuen, dass er so direkt mit mir umgeht. Zeigt das nicht, dass er bei mir ganz er selbst sein kann?
Derartiges ist natürlich ungemein lästig, zumal alle paar Seiten auftretend. Man fühlt sich als Leser etwas entmündigt und literarisch geradezu hintergangen. Manch ein Schriftsteller ließe R. das Glas abrupt abstellen, um seinen Gemütszustand auszudrücken, ein anderer setzte das Wort “entschieden”, meinetwegen sogar “gereizt” ein. Ein anderer ließe nochmal eine Fliege vorher reinpurzeln oder beschriebe den Klang von dem Glas auf die Tischplatte, die sich bewegende Flüssigkeit, den rechten kleinen Finger, oder das Glas kommt nur ganz knapp auf dem Tisch zu stehen, oder eben nur: R. stellt das Glas ab und damit hat sichs.
Was fehlt, ist die Kunst des Weglassens und das Vetrauen auf die Wirkung eines Bildes. Was fehlt, ist die Fähigkeit, aus der Zusammenstellung des Alltäglichen ein Kunstprodukt zu machen. Das Leben und Fühlen von Links Figuren bleibt trotz dramatischer Ereignisse auf dem Niveau eines nachmittäglichen unverfänglichen Gequassels von gebildeten Frauen, die eigentlich auf dem Sprung zum Kinderabholen sind.
Gutcheons story basiert, bis auf das Happy End, auf Tatsachen. Na und? Geht sie deshalb mehr unter die Haut? Lesen Sie bei Wikipedia den echten Fall nach, der ist viel gruseliger und lässt die Opfer (ich meine die Eltern des entführten Kindes) in mehr als einem Licht erscheinen.
Bereits nach den ersten paar Seiten ist die Protagonistin, deren Kind spurlos verschwunden ist, total fertig, mit den Nerven runter, restlos alle. Oh Mann, denke ich, wie soll sich das noch steigern oder welche Wendungen kann das nehmen, um einen neuen dramatischen Bogen entstehen zu lassen? Es folgt kein wirklich neuer Bogen. Von Gefühlsausbruch zu Gefühlskiste schwappt eine Szene in die nächste. Überall Probleme, denen aber, hey, ganz menschlich begegnet wird, weil wir sind ja alle vielschichtige Menschen und unter jeder Oberfläche verbirgt sich was. Das presäntiert sich dann aber nicht minder oberflächlich, sodass man sich um die Reflexionsfähigkeit und Ernsthaftigkeit der Menschheit wirklich Sorgen macht.
Es ist nicht so, dass Gutcheon maßlos übertreibt. Alle Situationen, sogar die Dialoge könnten annähernd so stattfinden. Bloß öffnet sich keine neue Tür des Verständnisses. Es ergibt sich keine außergewöhnliche Betrachtung, obwohl doch die Geschichte höchst außergewöhnlich ist und darin liegt ja auch ihr Zündstoff. Auch das könnte eine Qualität sein, zu zeigen, dass es jeden treffen kann. Und dann beschreibt man eben das Umfeld, die Gefühle und Gedanken der Personen, deren Verhältnisse, etc. Dennoch muss ich als Kreateur auswählen, schleifen, verknüpfen. Und ich muss Alltägliches in einen wie auch immer gearteten Zusammenhang stellen. Die reine Dokumentation wäre sicherlich beklemmender gewesen, als diese pseudo aufdeckende Schreibweise.
Das ganze als Film, als Theaterstück hätte vielleicht zu dem geführt, was ich vermisse: Menschen mit unverwechselbarem Gesicht, im anderen Medium ausgefüllt durch einen echten Schauspieler. Denn das Menschen morden, pervers, ehebrecherisch und berechnend sind, weiß ich auch ohne dieses Buch. Was ja allemal heißt, dass Gutcheons eins nicht kann: mich durch Worte beindrucken.
Deshalb nochmal die Grundkritik: Story, Handlungsbögen, Einführung der Charaktere, all diese technischen Hifsmittel, meinetwegen Handwerkszeuge, reichen nicht aus, wenn kein Gespür für den poetischen Umgang mit Sprache, kein Sinn für kräftige Bilder, kein Mut zur Andeutung, keine Lust, den Leser zu überraschen, vorhanden sind. Schreiben, gut schreiben, ist kein Sport.
Achtung. Hier wird Literatur unwissenschaftlich, persönlich und hemmungslos nach eigenen Vorlieben kommentiert. Schmähung und Lob dienen keiner Verlagsökonomie. Es wird nicht protegiert. Regt mein Schreiben über Schreiber zum Lesen oder Kommentar an, ist genug getan.