buchhandlung moltzen

In: allgemeines

2 Okt 2009

Mein Großvater hat Buchhändler gelernt. Mein Vater behandelte Bücher wie Heiligtümer. Ich selber bin in Buchhandlungen vorstellig gewesen um den Beruf zu erlernen. Warum das alles nicht geklappt hat, kann man weitläufig Lebensgeschichte nennen.

Buchhandlungen waren Tempel. Bouvier in Bonn, direkt vor oder hinter der Uni gelegen, sagen wir bei, war das Paradies meines Vaters. Als Kind stand ich einfach nur wartend rum, wartend auf Entscheid, Kauf, Rausgang meines Vaters. Nirgends konnte man sich richtig hinsetzten, was man verboten in die Hand nahm war oft unverständlich. Hübsche Bilder auf dem Umschlag und innendrin gähnende Abfolgen in schwarz-weiß. Ich mochte die Stapel, die Auslagen, das labyrinthartige der niedrigen Tische, die vollen Wände, ja auch den Geruch. Irgendwann entdeckte ich, dass das ganze geordnet war. Neuerscheinungen, Werbung, englische Literatur, Krimis, Klassiker, Sammelbände.

Das Labyrinth kannte ich von Zuhause. Die vollen Bücherwände und durch das Wohn- und Arbeitszimmer musste man sich durchschlängeln. Stapel, Zettel, Häufchen. Nichts anfassen, keine Unordnung in das Chaos bringen. Aber ich hatte meine kleine Welt in dieser großen. Eigene Bücher, Bücher, die mir vorgelesen wurden, Bücher, deren Rücken ich kannte. Und dann sah ich mit einem Mal eine Kinderabteilung im großen Bücherladen. Ich hatte einen Platz, während Vater stöberte. Und dann lagen Bücher vor meiner Tür. Neugekaufte, oder aus der eigenen Bibliothek ausgesuchte. Zu Themen, die wir am Frühstückstisch diskutierten, die relevant in der Schule waren, Nur-so-Bücher, kommentierende Bücher, Fingerzeige. Ich wurde vertraut. Blieb immer häufiger aufmerksam an den Auslagen stehen, die Gehstopps meines Vaters füllte ich mit eigener Betrachtung, bald konnte ich wiederholen, ordnen. Brecht, Böll, Handke, Goethe, Schiller, Hölderlin, Gruppe 47, E.T.A. Hoffmann….

Ich war achtzehn, als ich das erste Mal in eine Buchhandlung ging, nur so, ohne etwas bestimmtes für die Schule kaufen zu müssen, ohne Empfehlung, ohne Geschenkidee. Heraus kam ich mit Klaus Modicks “Ins Blaue”. Das war ziemlich druckfrisch. Ich fühlte mich wie ein Entdecker, ein Eroberer. Dieses Gefühl bekomme ich immer noch, wenn ich, fast fünfundzwanzig Jahre später, aus den aktuellen- und vor allem hinter diesen-  Auslagen das eine Buch fische, das besondere, das unwahrscheinlichste.

Zu jedem Wohnungswechsel gehörte das: rauskriegen, wo ist die beste Buchhhandlung. In meinem momentanen Umkreis ist das “Alice im Bücherland”, deren Inhaberin Alice Moltzen den Laden mit Kompetenz, Einfühlungsvermögen und großer Leidenschaft führt. Ihre bezaubernden Mitarbeiterinnen sind überaus belesen gebildet, beraten ausgiebig, haben eine sehr persönliche Ansprache und immer alle Zeit der Welt. Es ist nicht so, dass der Laden besonders gerichtet wäre. Nichts Anarchistisches, Subversives lauert hier. Kein Bücherschmuddel, keine fetten Bildbände, sondern von jedem etwas. Die Esoabteilung, die Wellnessecke, die Kinderbücher, Krimifraktion, die Bestseller, Kalender, Lesezeichen, Postkarten, kleine Geschenke rund ums Buch, das Politlager - alles vorhanden. Daneben Klassiker, anspruchsvolle Romane aus aller Welt, auch mal nicht so gängige Perlen, oder, wie man so sagt, Bücher, die es nicht zu Ruhm geschafft haben, obwohl sie es verdient hätten. Ein englisches Regal, Reiseliteratur, Autorenlesungen,  Herr Gott, einfach alles. Und das auf geschätzen 80 Quadratmetern.

Haben Sie schon mal eine Buchhandlung erlebt, wo man vom Fahrrad aus seine Bestellung reinrufen kann? Wo jedes Geschenkbuch ein Hit ist, weil anhand weniger Eckdaten (z.B. um die vierzig, alleinerziehend, Lehrerin, anglophil, kritisch und leicht konfus) drei Bücher auf den Ladentisch kommen und dann im Buchhändlerinnenteam entschieden wird, welches das beste sei? Wo jedes gekaufte Buch nachbesprochen werden kann? Wo jemand so lange nach Ihrem momentanen Geschmack und Ihrer Befindlichkeit fahndet, vom Geldbeutel ganz abgesehen, bis Sie zufrieden einen Kauf getätigt haben? Nie bin ich überredet worden, nie hat man mich gedrängt. Ich bekam im Zweifelsfall eine Tasse Kaffe serviert und keinen bösen Blick, wenn ich dann doch mal unentschieden rausging. So ganz nebenbei partizipiert man von der Bildung des anderen, bekommt seine literarische Geschichte zu hören, und damit immer einen Teil des Lebenslaufes. Und wie symphatisch ist denn das: Buchhändlerin Sabine Nathrath, immer in den stilistisch gewagtesten outfits, auf der gegnüberliegenden Strassenseite. Sie, vertieft in ein Buch, die bebrillten Augen kaum zur Ampel gewandt, wartend auf grün. Erkennt mich nicht, sieht nicht den Verkehr, kommt irgendwie schadlos auf die andere Seite. Nase weiterhin ins Buch haltend. Bitte, wo haben Sie das zuletzt gesehen?

Hier handeln Leute mit etwas, was sie selber lieben, werden dabei nie geringschätzig gegenüber dem Uneingeweihten, müssen keine Diskussionen um Preise machen (eine Buchhandlung ist gottlob! kein Bazar) und schaden mit ihren Produkten eigentlich niemandem. Dazu verbreiten sie eine ungemein charmant fröhliche Atmosphäre, legen eine tolertante Gesinnung an den Tag, sprühen vor Engagement. Dürfen hoffentlich weiter Buchmessen besuchen und Wirtschaftskrisen überstehen. Bücher auf Google? Nein, Danke. Amazon? Nur im Exil.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

Über diesen Blog

Achtung. Hier wird Literatur unwissenschaftlich, persönlich und hemmungslos nach eigenen Vorlieben kommentiert. Schmähung und Lob dienen keiner Verlagsökonomie. Es wird nicht protegiert. Regt mein Schreiben über Schreiber zum Lesen oder Kommentar an, ist genug getan.

  • Augenstern « Literaturgefluester: [...] auch nicht so viel von der Literaturgeschichte, um an Dorian Gray zu denken, wie ich es in ein [...]
  • Tünde Pasdach: Aber Herr Brandt, dagegen muß Herr Roth ja geradezu geschwätzig erscheinen. Kürze und Würze pass [...]
  • Peter: Hallo Frau Incognito-Kritikerin, es muss ja eine Frau hinter diesen Zeilen stecken, hinter diesen v [...]

BlogTraffic Statistik


Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de
BlogPingR.de - Blog Ping-Dienst, Blogmonitor