hakan nesser - das falsche urteil

In: krimis

2 Aug 2009

Ein geradliniger Schwedenkrimi mit Kommissar Van Veeteren, Rückblenden wie in schwarz-weiss, einer guten Portion schnodderig schwarzem Humor, einem dämlichen Polizeichef samt gut charakterisiertem Team und einem glaubwürdigen, moralisch heiklem Plot.

Kümmern wir uns zuerst um Van Veeteren. Der Klappentext verrät, dass Nesser hier eine Figur schuf, die das Zeug zum Klassiker hätte. Das kann wohl sein, wenn man denn etwas mehr über ihn erfahren würde. Geschieden, mit leicht sehnsuchtsvollem Verhältnis zu seinem Sohn, erinnert er mich zunächst an Komissar Beck. Kaum freue ich mich aufgeregt, dass der schwedischste aller Komissare zu neuem Leben erweckt wird, bekomme ich den ersten Dämpfer: Van Veeteren, kurz VV, ist so hart und grantig wie ein echter Chandler-Held. Ich fahre meine Wunschvorstellungen zurück und versuche die Figur den ganzen Roman über entstehen zu lassen.

Der Mann hat Darmkrebs. Vor der anstehenden Operation hat er Angst. Halluziniert sich unters Messer und die rücksichtslosen Finger der Chirurgen.Verantwortung abgeben ist nicht seine Sache. Dass er an der Krankheit nicht ganz unschuldig ist, erfährt man aus seinen Konsumgewohnheiten: Bier wann immer es geht, Zigaretten, schön fettiges Essen, unregelmäßig eingenommen. Und die Kombination Grübeln im Privaten/leidenschaftlich bis rastlos im Job entspannt ja auch nicht gerade.

Kaum aufgewacht aus der Narkose, übernimmt VV direkt wieder das Ruder. Läßt seine Leute antanzen, die nehmen ihre Fallbesprechungen auf Cassette auf, so kann der Meister weiterhin am kriminalistischen Kombinieren teilnehmen, ach was, wieder mal allen zeigen, wer das eigentliche Superhirn der Truppe ist. Und die dankt es ihm. Ohne Vatti läuft halt nix.

Für VV macht sogar das Krankenhaus Extraregeln,was einen zumindest gedanklich dazu verleiten lässt, dass das nächste mal selbst auszuprobieren: beleidige die Krankenschwestern, fordere vehement deinen Alk ein, überschreite rücksichtslos alle Regeln wie Besucher-Essen-Ruhe-Zeiten . Aber ich weiß schon. Unsereinem erginge es dabei schlecht. Wir alle sind ja auch nur auf dem Niveau vom VV Team.

Irgendwann zwischendurch muss der Kommissar mal ganz viel Philosophiekontakt gehabt haben. Anselms Gottesbeweis, Misstrauen gegenüber Wörtern , Fragen nach Muster und Ordnung im Dasein…..Geschickt reißt Nesser die Theman nur an, belehrt nie, schiebt sofort profane Gedanken hinterher. Dennoch bringt mir das den Kommissar nicht näher; diese Überlegungen könnten von mindestens drei anderen Personen folgerichtig im Roman angestellt werden, oder besser, von Nesser selbst. Ich erwische mich dabei, nicht nach Täter und Motiv zu suchen, sondern frage mich: “Wer ist VV?”  Das könnte ein genialer Schachzug des Autors sein, vielleicht setzt er seine Hauptenergie in die Ermittlung seines Ermittlers.

A propos Schachzug: der einzig geistig ebenbürdige Charakter ist ein Poet, mit dem unser Kommissar gelegentlich das königliche Spiel teilt. Seine minimalistischen Gedichte verführen ihn zum Nachdenken, hier hat er einen intellektuellen, unabhängigen Geist vor sich sitzen. Naja, es gibt noch den oft zitierten Reinhart, der mit Sprüchen aus dem off Lebensweisheiten von sich gibt, fast wie ein toter Kollege. Reinhart gehört dennoch lebendig zum Team, ein wenig ausgelagert, Papa zwei.

Ich könnte noch weiter über VV nachdenken, über seine Vorstellungen von der rechten Musik zum richtigen Zeitpunkt (schöne Passage. Endet nach längerem Versuch des sich Ausdrückens wieder im Profanen. “Das muss man einfach fühlen.”), über sein Befremden gegenüber seiner Wohnung, etc. Ich hoffe, dass sich die Person besser erklärt, wenn ich mehrere Romane mit ihr gelesen habe, aber es gefiele mir auch im Ungewissen zu bleiben. Das wäre dann ebenfalls ein roter Faden.

Und dann entscheidet sich Kommissar Van Veeteren für den vermeindlich einfachen Weg der Gerechtigkeit. Weg mit aller Phlilosophie, hier kommt der Tatenmensch.

Die Story in Kurzform: ein verschlossener Sonderling wird Mitte der 50iger Jahre zum Langstreckenläufer. Star der schwedischen Laufstaffel. Doping überführt, Zusammenbruch der Karriere. Unklar bleibt die Schuldfrage, besser, die Frage nach den Verantwortlichen. Der Sonderling wohnt einsam und betreibt eine Hühnerzucht. Hat Affairen. Eine seiner Bettgenossinnen wird tot aufgefunden. Er wird des Mordes angeklagt und zu 12 Jahren Haft verurteilt. Der Mann wird in den 70iger Jahren entlassen und prompt wiederholt sich das Spiel. Bettgenossin tot im Wald , wieder 12 Jahre Knast. In den frühen 90igern wird er freigelassen und dann selbst massakriert. Im Wald gefunden, halb verwest, Füße ab, Hände ab, Kopf ab. Soll den mal einer identifizieren.

Nun, das Team schafft es. Dann will der Fall nicht richtig voran kommen, alles baut auf Ahnungen und Indizien, gerade so, wie der arme Läufer überführt wurde. Man ist sich einig, der Mann wurde zweimal unschuldig eingebuchtet. Jetzt schießt der Polizeichef quer: Einstellung der Ermittlungen. Denn: 1. Keine klare Beweisführung, 2. Wer hat denn jetzt noch was von der Überführung des wahren Mörders? Sind doch alle tot oder alt oder so jung und nachkömmlich, dass sie mit dieser alten Geschichte nicht belastet werden sollten. Polizei und Gerichtswesen sowie Allgemeinheit und Rechtsbewußtsein hätten auch nichts davon. Wer dann?

“Ich”, antwortet der Kommissar selbstbewußt und fast ein wenig naiv. Und der wahre Mörder. Der kann sich ja mal freuen, wenn die Geschichte des Massakrierten als Knastgeschichte ad akta gelegt wird und der Frauendoppelmord als vor Jahren nachgewiesen und gesühnt gilt.

Hier entsteht ein wirklich guter Dialog zwischen VV und seinem Chef. Der Kommissar macht anhand von “Klemkes Rasiermesser” (eine soziologischen Studie, ein psychologisches Phänomen, eine zum Sprichwort mutierte Begebenheit aus einem anderen Roman? Wer immer das kennt,setze mich in Kenntnis) seinem Vorgesetztem klar, wie falschzüngig dessen Stellungsnahme (”Wir haben jetzt wichtigere Aufgaben”) ist. Dass es hier um das fadenscheinige Spiel geht, Anweisungen von oben nach unten so aussehen zu lassen, als hätten die Oberen mit den Unteren ein gleichberechtigtes Gespräch gehabt, was zu gemeinsamen Ergebnissen führte. Van Veeteren spricht von “demokratischer Politur”der Machthaber. Und fügt deutlich hinzu:”Du befiehlst mir also, einen Dreifachmörder herumlaufen zu lassen?”

Damit hat er ihn. Bekommt seine Lizenz zum Weitermachen. Ohne Team. Was VV ganz gut in den Kram passt.

Toll an dem Dialog ist auch die Umkehr der Abhängigkeitsverhältnisse. Der freie Mann scheint VV zu sein (weil er seiner Überzeugung treu bleibt?), der Chef nur Ausführender. Das kennt man natürlich aus vielen Krimis, der weisungsgebundene blöde Vorgesetzte, der wie ein Spielball ohne eigene Haltung wirkt. Es ist wieder das o.g. Mittel, was die Szene zur gelungen macht: Anspruchvolles gesetzt gegen Profanes.

Und was macht VV, alleingelassen? Beantwortet sich die selbst gestellte Frage, ob er jemals zur Selbstjustiz greifen falls er absolut sicher von der Schuld eines Mörders wissen würde, mit einem klaren ja und schubst den wahren Mörder vom Balkon. Ob ihn dieser Moment wirklich in allen düsteren Nächten seines Lebens begleiten wird ,weiß man nicht so genau. Nesser behauptet es mal. Und der muss VV ja am besten kennen.

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