harry mulisch - augenstern

In: novelle| romane

25 Aug 2009

Ein kleines feines süffiges Romänchen. Man könnte sagen in geschliffenem Deutsch, wenn´s nicht auf niederländisch geschrieben wäre. Einen Dank also an die Verwandtschaft der Sprachen und an die Übersetzerin Martina den Hertog-Vogt.

Aufgemacht als Auschnitt einer Autobiografie fliegt uns ein sehr selbstbewußtes Erzähler- Ich entgegen, das den zweiten Weltkrieg nicht klein kriegen konnte. Der junge Mann knallt “im Mai 1945 wie ein Champagnerkorken aus der Flache” “nach den endlosen Jahren der Kälte, des Hungers und des Todes”.

Toll, wie Mulisch das auf der dritten Seite hinkriegt: den Krieg mit seinen Schrecken in einem Nebensatz abzuhandeln, eine Kulisse klarmachend, aber sofort, bevor man auf den Gedanken kommen könnte, dass jetzt ein traumatisierter Charakter eine schröckliche Geschichte erzählen will, deutlich machend, dass das Darben ein Ende hat und der unter Bombenschutt versteckte Schöngeist endlich zum Zuge kommt. Und das Wort “Champagner” läutet den Grundtenor des Buches ein: Luxus, Erfolg, Rausch. Und Kater.

Der Achtzehnjährige möchte weg. In die Wärme. Über Belgien und Frankreich nach Italien. Wanderjahre nannte man das früher. Durch die Gegend jobben heute. Unter den damaligen politischen Umständen war das geradezu waghalsig.

Er landet in Rom, wo er anfängt zu schreiben, “als ob die Wärme der Sonne ein Ei in mir ausgebrütet hätte”. Da ist er ja nicht der erste Vogel. Macht nichts. Mulisch schreibt ab dieser Bemerkung viel über das Schreiben, eine Art gläserner Autor. Sehr schön die Stelle über das Aufbauschen: “Wo ich heute schreiben kann: Es blieb eine Minute lang still- dort konnte ich vor vierzig Jahren nur schreiben: Es war still, nein, stiller als still, eine tosende Stille, die alles um sich herum übertönte und vom ganzen Haus Besitz ergriff….” Etwas weniger amüsant, aber genauso offen und konkret: “Wenn ich meinen Zustand ausdrücken wollte, mußte ich nicht diesen selbst thematisieren, denn damit wäre ich schnell fertig gewesen, sondern das, wodurch er hervorgerufen wurde. Wurde er vom Golf von Neapel hervorgerufen, so mußte der Golf von Neapel erscheinen. …..Indirekt sollte es geschehen; nicht Folgen, Ursachen mußten gezeigt werden. Ich mußte mich der Realität zuwenden, dem Naheliegenden, und auf eine paradoxe Weise würde dann alles ganz direkt erscheinen, obwohl es indirekt wäre.” Erkenntnisse, die man manchem Schriftsteller wünschen würde, die aber zugleich klar machen, dass das reine Erkennen wenig nützt, wenn es nicht von Erlebtem gespeist wird.

Die eigentliche Geschichte konkurriert niemals mit den Gedanken über das Schreiben, die beiden Stränge gehen ganz galant Hand in Hand. In Rom jobbt der junge Autor an einer Tankstelle. Dort fährt eines Tages ein Rolls Royce vor, Inhaberin ist Mme. Sasserath, cosmopolitane und stinkreiche Witwe von Alphonse Sasserath, dem Erfinder der Sicherheitsnadel. Der junge Mann nimmt den flämischen Wortwechsel des Personals wahr und wendet sich wohlerzogen an Mme S.:”Gnädige Frau, ich muß sie darauf aufmerksam machen, dass ich Sie verstehen kann.” Jetzt beginnt sein Traum. Er wird stante pede in den Rolls verfrachtet und landet auf Capri in einem Pallazo, einem der vielen Domizile von Mme S. Seine Manuskripte läßt er übrigens liegen. Sein Gepäck, das “wie ein Fettfleck auf einer seidenen Krawatte” in seiner Suite liegt, wird bald nicht mehr gebraucht. Anzüge werden bereitgestellt. Die Kunstsammlung der Sasseraths machen Museumsbesuche überflüssig. Die Gespräche mit der über neunzigjährigen Dame, die ihn zärtlich ihren Augenstern nennt, sind anfangs geprägt von Ehrfurcht, spitzbübiger Lebendigkeit und Altklugheit seinerseits, von ihrer Seite kommen Erinnerungen, Nachsicht, mitunter aber auch Schärfe. Zwei Dialoge sind mir nahegegangen. Einmal, beim Gespräch über ihren verstorbenen Gatten , wendet sie sich an ihren Augenstern: “Der Tod…..” …”Aber du hast die ewige Jugend.”…..”Das ist ein schöner Besitz,” ….”Aber nicht in der Stunde deines Todes, mein Lieber.” Wer denkt da nicht an Dorian Gray? Und an der anderen Stelle werden die beiden o.g. Stränge zusammengeführt. Unser Schriftsteller äußert sich nach harter Gedankenarbeit: “In seiner ganzen Unantastbarkeit wird mein Werk schließlich dastehen wie…wie.. der Vesuv.”Mme. Sasserath bekommt einen Lachanfall. Bis hierhin schien die Vermessenheit unseres Mannes an ihr abzuprallen, aber nun, ohne ihn tadeln zu müssen, macht sie ihm seine Überheblichkeit, seinen Superanspruch durch die lauteste Reaktion die sie im Buch von sich gibt klar. Noch schöner, sie wird das erste Mal symphatisch.

Der junge Mann heilt die alte Dame von ihrer Schlaflosigkeit. Die Unfähigkeit zu träumen rufe das Phänomen hervor. Was läßt sie noch träumen ? Die Erinnerung an einen Traum. Was für ein guter Einfall: jemanden durch Träume wieder in die Realität zu holen.

Tja, was ist nun dieser Capri Traum für den jungen Autoren? Ein goldener Käfig? Eine gesellschaftliche Beförderung? Klausur? Die letzte große Tat von Mme Sasserath ist die Einweihung eines ehrgeizigen Projektes: eine Seilbahn zum Vesuv, die ihrer Form nach einer Sicherheitsnadel entspricht. Diese Einweihungsprozedur läßt den Augenstern zu Amtspersonen reden, als wäre er das persönliche Sprachrohr der Dame. Er bekommt Macht. Nun, diese Macht schwindet dahin, als er, nach erster Fahrt mit ihr im Lift ohne sie zurückkommt. Mme. lößt sich nähmlich während der Fahrt einfach in Luft auf. Da stehen sie nun alle und klagen ihn des Hochverrates, des Mordes an. Und er, der während der Fahrt Visionen von Menschen hatte, die ihm entgegenkommen, alle auf merkwürdige Weise vertraut, ein Spuk der Menschheitskette, alle Stände, Geschlechter, Nationen rollen da an ihm vorbei, hat auf einmal Todesangast. Lynchstimmung kommt auf. Ihn retten Konventionen, unterlassener Diensteifer, Trinklaune, eine vorgetragene Ödipus Geschichte und Zitate aus dem Alten Testament, kurz, dieselbe Kultur, die er auf Capri genossen hat. Der Traum retttet den Traum.

In einem Atelier des Arztes, der Mme. nicht in den Schlaf bringen konnte, aber die wunderbaren Rettungsverse bereithielt, zwischen den anatomischen Reproduktionen von Leben und Tod findet er Ruhe. Verleibt sich eine Blume von Mme., die sie auf der Seilbahnfahrt mit hatte ein, vergewissert sich seiner surrealen Erlebnisse.

Das Leben? Ein elliptischer Traum auf dem jeder Neueinsteiger dem Alten begegnet. Nicht gleichsam und ruhig, sondern unter Spannung stehend mit der Möglichkeit von der Spitze zu fallen, falls sich der Verschluß der Sicherheitsnadel öffnet.

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