Literaturblog
In: romane
18 Mär 2009Mein 5ter Roth. Gelesen in 4 Nächten. Lebendige Naturbeschreibungen,eindringliche Charaktere über die Physiognomie , die Gesten. Roth ist ein großes Auge, über das Äußere bekommen wir Verständnis für das Innenleben der Figuren, über die Beschreibung der Landschaft, der Dörfer, der Biotope nehmen wir Zeitdauer, Umwälzung, Ankündigung wahr.
Obenan das Gefühl von Verlust. Verlust der Monarchie, Verlust einer Ordnung. Die Beschreibung des österreich-ungarischen Kaisertums als Utopie einer gerechten einfachen Welt. Drei Generationen der Trottas begleiten das Leben des Kaisers und steuern, wie er selbst, dem Werteverfall, der Sprachlosigkeit, dem Tod entgegen.
Drei geadelte Generationen der Trottas. Ein Wunder, dass diese Wesen mit verkümmertem Liebesleben überhaupt Nachfahren schaffen konnten. Der älteste, Joseph, slowenischer Sohn eines invaliden Unteroffiziers (dessen Vater noch Bauer war) aus Sipolje, rettet als Infanterieleutnant 1859 in der Schlacht bei Solferino dem Kaiser Franz Joseph das Leben. Wird geadelt, verliert hierdurch seine roots, ist knorrig, knurrend, einsam. Mit seinem Sohn Franz (sic! ) fährt er zur Totenbahre des Vaters. “Vergiß ihn nicht, den Großvater” , sagt er ihm, als drückte man einem Kind ein Kuscheltier in den Arm und befehle ihm, es lieb zu haben.
Franz wird die Militärlaufbahn verboten, da der Joseph, der Lebensretter, seine Geschichte verdreht in den Geschichtsbüchern fand. Aha, da wird österreichisch aufgemotzt, was doch eine selbstverständliche ehrenwerte Sache war. Mit Standesdünkel ist den Trottas aber nicht zu kommen. Man ist angedockt an die poltische Macht, die einem Gnade, Bürde und Pflicht zugleich ist. Gesellschaftliche Position, Ausnutzung von Titeln, Verständnis vom ehrenwerten Leben sind aber unheilbar miteinander verknüpft und über diese Stricke fallen die Trottas.
Roth erkennt die Mißstände der Monarchie, wie auch der aufkommenden Revolution. Er sieht die Menschen und die Menschlichkeit hinter beiden. Der alte sterbende Kaiser erkennt: der Krieg ist Sünde. Nur schade, dass ihn niemand mehr hört. Der Kaiser befördert einen jungen Soldaten, wie einst den alten Trotta, ganz nach Gutdünken und zerstört damit dessen Leben. Hei, da wirft man mit Huld um sich und Bumms fällt jemand um. Schade aber auch. Aber des Kaisers Debilität ist nur augenscheinlich. Er benimmt sich kindlich einfach, seine von ihm selbst für sich selbst geschaffenen Verhaltensgesetze diktieren ihm Bescheidenheit. Eine Mischung aus naivem Kind und allwissendem Greis. Er steht mit Gott im Bund, ist von ihm berufen und ihm, wie auch seinen Räthen untergeben.
Der Kaiser ist für den Bezirkshauptmann Franz von Trotta Gottvater. Gottes Gesetz ist Kaisers Gesetz. Im Kaiser erkennt er Gott besser, als in der Kirche. Man beichtet ihm die Schuld des eigenen Sohnes Carl Joseph. Geldprobleme? Man wendet sich an den Kaiser. Versetzung des Sohnes? Her mit dem Kaiser. Lebenskrise? Das Bildnis des Kaisers schafft Klarheit im moralischen Schlamassel. Irgendwie putzig. Man denke: würde heute hier einer zum zum Kanzler laufen als Beamter o.ä. , wenn man sich orientierungslos wähnte? Manch einer läuft noch zum Papst, dessen herrausragende Stellung im Buch ja aber der Kaiser einnimmt.
Er, durch Gottes Gnaden ermächtigt, hat die Omnipotenz. Er ist moralischer Gebieter, Grenzensetzter. Nur einmal stellt der jüngste Trotta, der Carl Joseph, ungewollt im und ungeliebt vom Militär fest, dass es wohl noch andere Erdenreiche gibt, andere Herrscher. Da stoppen seine Gedanken. Wenn er raus will aus des Kaisers, sprich des Vaters Klauen, kommt er doch nur an die Grenze des Reiches, versetzt in den östlichsten Winkel, der trostlosen Heimat des Autors selbst. Raus? Keine Chance. Ein Trotta kann kein Leben außerhalb der kaiserlichen Grenzen aufbauen, er würde am Schwindel der Freiheit zugrunde gehen.
Durch die äußere Ähnlichkeit des Bezirkshauptmanns und dem Kaieser, oftmals im Roman betont, letztendlich in der leibhaftigen Gegenüberstellung von beiden bemerkt, kommt Trotta II nicht etwa in göttliche Nähe, sondern das Brüderliche, das Seelenverwandte wird hier beschworen. Trotta III bleibt diese Nähe verwehrt. Sein Soldatentum führt zu Gedankenmechanismus, hohle Phrasen, die der Leutnant Carl Joseph gar nicht haben will, ihm aber reflexartig durch den Kopf schießen. Sein Drill beleidigt ihn, er fühlt die Marionette in sich. Grün und blau will er seinen Laufburschen schlagen, als dieser sich unerlaubt entfernt. Das sagt er ihm auch, aber fühlen tut ers nicht. Zumal der Bursche wegging, um ihm Schuldgeld zu besorgen.
Das ist das Tragische an den Personen: oft wollen sie etwas liebevolles, persönliches sagen, können es nicht und stammeln kurze harte Sätze. Immer bleibt die Frage offen, ob das Gegenüber des Redners die eigentlichen Gedanken lesen kann; man wünscht es sich so sehr. Man wünscht sich, dass die feingesponnenen Naturbetrachtungen die Figuren erreichen, wünscht ihnen die Erkenntnisse, die Roth hat.
Gott sei Dank habe ich schon den “Hiob” gelesen, der versöhnlichere Momente hat. Zwar kann auch hier niemand aus seiner Haut, gelangt jedoch in andere Zusammenhänge. Der Alte in “Hiob” wandert mit einer Familie in die USA aus, dort versöhnt er sich nach vielen Schicksalschlägen mit sich selbst, seinen Mitmenschen, seiner Religion. Kitschig, vielleicht, aber gutmütig und positiv ausblickend.
Was nicht in Trostlosigkeit, Untergang oder Tod endet, ist wenig im “Radetzkymarsch”: ein Arzt, ein Bauer, ein Kanarienvogel und ein Schachbrett.
Der Bauer, ehemals Bursche des Leutnants Carl Joseph, ist auch die einzige Figur, in der Treue schlicht und ehrenwert, Desertation nicht unehrenhaft, sondern befreiend wirken. Onufrij darf den Boden wieder bearbeiten, darf ein ruhiges Leben führen. Den Trottas, denen man alles Glück wünscht, Kinder, Freiheit, Geistesblitze, die sie zu einem eigenständigen Leben befähigen, bleibt dies alles versagt.
Wer immer militärische Vorfahren hatte, kann diese Tragödie besonders gut nachvollziehen und möchte sich hinterher hemmungslos besaufen. Wer immer meint, Roth habe einen konservativen pro Monarchie Roman geschrieben, leidet an jener Verblendung, die er Roth vorwirft.
Achtung. Hier wird Literatur unwissenschaftlich, persönlich und hemmungslos nach eigenen Vorlieben kommentiert. Schmähung und Lob dienen keiner Verlagsökonomie. Es wird nicht protegiert. Regt mein Schreiben über Schreiber zum Lesen oder Kommentar an, ist genug getan.
2 Antworten zu ‘joseph roth - radetzkymarsch’
Peter
18. August, 2009 um 22:12
Hallo Frau Incognito-Kritikerin,
es muss ja eine Frau hinter diesen Zeilen stecken, hinter diesen vielen Zeilen stecken. Ich hätte schon nach der Hälfte hier Lust auf den AlpenTrotz.
Tünde Pasdach
8. September, 2009 um 23:41
Aber Herr Brandt, dagegen muß Herr Roth ja geradezu geschwätzig erscheinen. Kürze und Würze passen auf Klappentexte und auch in dieses oder jenes Feuilleton, aber doch nicht in eine Besprechung. Aber wer weiß, vielleicht reizt es mich ja doch gelegentlich zu weniger worten. AlpenTrotz ist auf jeden Fall ein tolles.