Literaturblog
In: romane
10 Okt 2009Fünfhundertfünfzig Seiten mit dem amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright, seinen vier Hauptfrauen, seiner Fan-und Arbeitsgemeinde, der fiesen Gesellschaft und Wrights Wohnsitz, Refugium, Idealhaus Taliesin, abgerannt, aufgebaut, wieder abgebrannt, wieder aufgebaut.
Ich will den Roman nicht kleinreden. Gut recherchiert, stellenweise eindringlich. Unterhaltend durch die Darstellung eines leidenschaftlichen Genius, dessen Tatkraft und Glauben an sich selbst Hindernisse überwindet, wo viele schon resigniert hätten. Wen bewundert man zuletzt: Mr. Wright, oder Mr. Boyle? Oder vielleicht den fiktiven japanischen Assistenten, der seine Erinnerungen an seine Lehr-und Lebenszeit beim großen Architekten durch den Ehemann seiner Enkelin mit- und aufschreiben läßt, da er selbst seinem Amerikanisch (und vielleicht seiner Erinnerung) nicht ganz traut? Man erfährt die story durch die Brille dieses Erzählers, dessen Landesmoralität ja eigentlich den Einzelnen nicht über die Gruppe stellen möchte. Ein schönes Spannungsfeld: hier der japanische Rädchenmensch, der dem Individuum begegnet, da der Freigeist, der seine Liebe zur japanischen Kultur entdeckt.
Intensität durch Komplikation ist eine meiner Randnotizen. Wright scheint das zu brauchen, will eigentlich eine heimelige Familienatmosphäre, will Naturverbundenheit leben, ökonomische Unabhängigkeit auf Taliesin verwirklichen. Will Integration, Anerkennung, Achtung, katapultiert sich aber permanent in Skandale. Es ist einfach im vorhinein zum Scheitern verurteilt. Exzentrisches Alphatier in bigotter Nachbarschaft ginge vielleicht gut, wenn nicht, ja wenn nicht die Liebe wäre.
Nichts geht glatt in den Amouretten. Anfang, Verlauf, Ende, alles hochdramatisch. Gefahr, gesellschaftliche Ächtung, immer kurz vorm Ruin, Verhaftungen, Scheinfrieden. Immer schwelt etwas, man wartet förmlich auf den nächsten Zusammenbruch, wird zum Voyeur. Manches, wenn auch erfundene Detail will man gar nicht wissen, es ist, als berausche sich Boyle an intimem Dreck, als genieße er die Bosheit Miriams, die selbstherrlichen Momente Wrights und deren Abstrafungen. Man ergreift Partei für Wright nicht nur gegen die Presse, die Nachbarschaft, gegen jeglich zurückgebliebene moralisch vernagelte Holzköpfe, sondern auch gegen Boyle. Das nennt man Eigentor. Mensch, T.C., wühl in deiner eigenen Scheiße, rufe ich von schräg unten.
Weitere Randnotizen: “Man wartet auf den Abstieg von Miriam”. Später: “Miriam ist tot. Nächstes Kapitel heißt Miriam? Oh Gott.” Dieser morphinsüchtige Racheengel verläßt weder Wright, noch den Leser. Wenn Boyle je ein kaputtes, selbstsüchtiges Arschloch dargestellt hat, dann in dieser Frau. Als Figur darf sie mich nerven, hemmt sie mich aber in der Leselust, hat der Autor schlecht dosiert. Eigentor.
Poetisch, tiefgründig und berührend wirds überall, wo der japanische Freund auftritt. Seine Bescheidenheit, seine Treue, sein bewunderndes Verständnis und die kleinen Lügen und Rebellionen gegenüber Wright lassen ahnen, wie die Welt mit großen Visionären umgehen könnte. Geschickt führt Boyle über ihn das Thema Autos, (toller Gedanke, ob wahr oder erfunden: Wright läßt alle Fahrzeuge in karminrot umlackieren), Küche (Zwangslager für alle Hilfsarchitekten und Quelle der großen Massakerszene), Nachbarn, Arbeitsgemeinschaft und “die Frauen” ein. Tröstlich, daß ein Einfluß ärmeres Leben zu Bedeutung kommt, weil es vom Gelebten eben genauso intensiv gefühlt wird, wie das eines Stars.
Ich habe (leider?) zahlreiche Interviews mit dem Entertainer Boyle zu diesem Buch gelesen und gesehen. Und in der Tat, Miriam ist seine Lieblingsfigur. Wußte ichs doch. Boyle sagt, ein Roman schriebe sich von selbst, man habe eine Idee, sicher, man recherchiere, aber dann läufts oder läuft nicht, man kriegt sogar den Spruch zu hören, dass wenn man wüßte, wie die story geht, ja alles langweilig für den Auroren wäre. Pardon, aber dieses Buch ist total durchkonzipiert. Natürlich blieb dabei viel Platz fürs Freischreiben, dennoch, es ist gerade das strenge Konzept (von vorne nach hinten aufgerollt , der Erzähler/Kommentator, die, allerdings sinnfällige Einteilung nach den einzelnen Frauen, aber vor allem der showdown am Schluß – der ist fast schon ein Griff in die Trickkiste), was einem den Leseschwung nimmt. Herr Boyle, das können Sie frecher, sagt eine kleine Kritikerin an ihrem computer. Auf Kritiker pissen Sie sowieso. Sind alles verhinderte Künstler. Wenn die sich nicht mit Ihrem Buch amüsiert haben, sollen sie halt das nächste lesen, und überhaupt, anderen gefällts, wie die Absatzzahlen bewiesen. Stehe jetzt unter Ihrem gelben Strahl mit aufgespanntem Schirm und pfeife auf die Kritik an den Kritikern. Die Melodie ist gar nicht so schlecht.
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